Das Szenario - Die Telekommunikations- und Informationsindustrie

Bill Gates, CEO [55] des Softwaregiganten Microsoft und die wohl bekannteste Persönlichkeit der gesamten Computerbranche, meint zum Internet:
“Beim Arbeiten mit Computerdokumenten sind wir von den Arbeitsgruppen schon weit darüber hinaus ins weltweite Netzwerk vorgestoßen. Das Bedeutenste für die Wirtschaft ist, daß Information nicht mehr nur in einem firmeneigenen Netzwerk sondern überall auf der ganzen Welt zur Verfügung gestellt wird. Die bedeutenste Tatsache am Internet ist aber, wie gut es funktioniert - das Finden eines Servers [56], die Verbindungsgeschwindigkeit, - all diese Dinge sind bereits vorhanden und funktionieren und es wird wegen der unglaublichen Fortschritte der optischen Datenleitungen und Schalttechniken immer besser.” [57]
Die Vereinigten Staaten zeigen vor, wie man mit Hilfe der digitalen Informationstechnologien der gesamten Volkswirtschaft zu einem Aufschwung verhelfen kann. Seit Jahrzehnten wurden in den USA völlig neue Produkte der digitalen Informationstechnologie erfunden und für ihre Verbreitung auf dem Weltmarkt gesorgt. Allein der High-Tech-Bereich war seit 1993 für 27 Prozent des Wachstums beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA verantwortlich, während die ehemals stolze US-Autoindustrie nur mehr vier Prozent dazu beisteuern konnte. 1996 wurde sogar ein Drittel des BHP-Wachstums nur von der boomenden Informationstechnologieindustrie generiert.
Wie wichtig das Geschäft mit der Informationstechnologie geworden ist - dieser Wirtschaftszweig hat sich inzwischen zum am schnellsten wachsenden der Weltindustrie entwickelt - zeigen einige Kennzahlen: Intel, der weltgrößte Chiphersteller, erzielte 1996 bei einem Umsatz von 20,8 Milliarden Dollar einen Reingewinn von mehr als 5,2 Milliarden Dollar [58] , was ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr darstellt [59]. Ähnlich hoch liegt das Erfolgsergebnis bei Microsoft: Für das Geschäftsjahr vom 1. Juli 1996 bis zum 30. Juni 1997 wurde ein Umsatz von 124 Milliarden Schilling erzielt, davon verblieben 46 Milliarden Schilling als Nettoprofit [60]. Im jährlich ermittelten Ranking “Standard & Poor 500", rangierten heuer unter den Top fünf gleich vier IT-Firmen [61]: Intel, Microsoft, PC-Direkt-Hersteller [62] Dell und der Internet-Newcomer Cisco. [63]
Diese Wertgröße, welche die "Main Players" der jungen PC-Industrie in der kurzen Zeit von anderthalb Jahrzehnten erreichen konnten, übertraf 1995 erstmals jene der Hollywood-Studios und auch jene aller US-TV-Anstalten zusammen. Heute erzeugt die amerikanische IT-Industrie bereits fast die Hälfte des globalen Marktvolumens an Computer, Software und Peripheriegeräten. [64]
Die teuerste Firmenübernahme der US-Wirtschaftgeschichte spielt sich zur Zeit ebenfalls in diesem Wirtschaftssegment ab: WorldCom (viertgrößter Telekommunikationsdienstleister in den USA und Netzwerkbetreiber in London, Amsterdam, Frankfurt, Brüssels und Paris [65]) will für 37 Milliarden US$ [66] MCI, den zweitgrößten Telekomdienstleister der USA übernehmen. Durch diese Fusion entsteht ein Unternehmen, daß 1998 rund 32 Milliarden US$ umsetzen wird. [67]
Von Präsident Clinton wurde die Initiative Internet II gestartet. [68] Es handelt sich dabei um eine neue Generation von Übertragungsprotokollen und schnelleren Netzwerken, die Hochgeschwindigkeitsanwendungen wie Video in Echtzeit unterstützen. Internet II basiert finanziell auf einer dreifachen Partnerschaft. 34 Universitäten, US High-Tech Unternehmen wie America Online, AT&T, Oracle und Time Warner und Bundesbehörden unterstützen dieses Projekt. [69]
Wie wird das Internet die Struktur der weltweiten Telekommunikation und damit die Ansprüche an die Telekomkonzerne verändern?
Damit befaßt sich eine Studie des Londoner Telekomkonsultingunternehmens Philips Tarifica .[70] Der Bericht, genannt “The Net Effect: The Impact of the Internet on World Telecommunications Markets”, sieht erste Einnahmeneinbrüche durch E-Mail und Fax-via-Internet Dienste. Die größte Gefahr besteht aber in der Sprachübertragung mit Hilfe des Internets, die zunehmend an Akzeptanz und Verbreitung gewinnt. Hindernisse wie schlechte Übertragungsqualität und die Verwendung produktspezifischer Kompression, die der bisherigen Verbreitung der Sprachtelefonie über die Internetprotokolle entgegengestanden sind, werden von der Softwareindustrie derzeit beseitigt [71]. Mit Hilfe der Internettelefonie können weltweite Gespräche zum Preis eines Ortsgesprächs zu seinem Internetprovider geführt werden. Die Studie zeigt auch auf, daß in den nächsten 3 Jahren der Anstieg der Ortsgespräche, hervorgerufen durch billige Internetkommunikation, die Verluste im Fernsprechverkehr kompensieren wird. [72] Ab dem Jahr 2001 müssen die Telekomunternehmen allerdings mit ziemlicher Sicherheit damit rechnen, Einkommenseinbußen durch das Internet hinnehmen zu müssen.
Mit den wirtschaftlichen und technischen Auswirkungen, die das Internet auf die herkömmlichen öffentlichen Telefongesellschaften hat, beschäftigt sich auch eine von der International Telecommunication Union (ITU) [73] vorgelegte Studie. [74] Sie zeigt 3 grundsätzliche Unterschiede zwischen dem Internet und dem herkömmlichen Telephonsystemen auf:
  1. Technik[75]: Das Internet basiert auf Datenpaketen, die von Routern zu ihrem Ziel geleitet werden. Die herkömmlichen Telephonsysteme beruhen dagegen auf durchgeschaltenen, stehenden Verbindungen.
  2. Preisstruktur: Während das Internet auf einem, meist monatlichem, Fixum beruht [76], berechnen die öffentlichen Telephonnetzwerke einen verwendungsabhängigen Tarif, der von der Entfernung und der Dauer abhängt.
  3. Eigentümerstruktur: Während die meisten Telefongesellschaften immer noch nationale Interessen vertreten, überschreitet das Internet jede Grenze. Während die Internetprovider alleine die vollen Kosten ihres Anschlusses an einen Internet-Backbone tragen müssen, teilen sich die betroffenen Telefongesellschaften die Kosten und Gewinne eines internationalen Anrufs.
Auch die Entwicklungsstufen der 2 Systeme unterscheiden sich: Während das Internet aus dem unregulierten Computersektor entstanden ist, stellt sich die herkömmliche Telekommunikationsindustrie als hochregulierte Branche dar, die sich wesentlich langsamer entwickelt.
Der ITU Report weist aber auch auf die gravierenden weltweiten Unterschiede im Zugang zum Internet hin. Die meisten reichen Staaten weisen bereits eine hohe Durchdringung an Internetverbindungen auf, während die Entwicklungsländer teilweise immer noch keinen Anschluß an das Netz der Netze haben. Dies ist aber nicht das einzige Kriterium, denn auch innerhalb der Industriestaaten gibt es enorme Unterschiede, wie ein Vergleich zwischen Finnland und Japan zeigt. 1000 Finnen, die ein durchschnittlich um 40% geringeres Einkommen als die Japaner haben, stehen 60 Internethosts [77] in ihrem Land zur Verfügung, während auf 1000 Japaner nur 6 Internethosts kommen.
Dieser Report enthält auch ein sehr interessantes Zitat des Geschäftsführers des Netzwerkgiganten Novell: ” We started out running the Net on top of the phone system, and we´ll end up with telephony running over the Net. A completely unregulated network is toppling its highly regulated predecessor. That´s extraordinary.” [78]
Aber nicht nur die Kommunikation mit Hilfe der PCs wird forciert. Das Projekt Tiphon, das vom European Telecommunications Standards Institute (ETSI) [79] gestartet wurde, versucht, eine Verbindung zwischen Telefonen und dem Internet herzustellen. Dies ist das erste Mal in Europa, das die Welt der Telekommunikation mit der sehr verschiedenen Welt des Internet zusammengebracht wird. Anstatt daß 2 verschiedene Technologien um Marktanteile kämpfen versucht man, eine technologische Zukunft zu schaffen, die die Vorteile beider Technologien vereint. [80] An diesem Projekt ist auch die PTA beteiligt. [81]
“Eine interessante Statistik besagt, daß 75 % aller Personal-Computer noch nicht mit dem Internet verbunden sind. Das einfachste Wachstum für das Internet wäre daher, diese Maschinen einfach in das Internet einzubinden.” [82] Mit dieser Taktik will Bill Gates ein riesiges Käuferpotential gewinnen.
British Telecom (BT) und MCI (das US-Unternehmen, das gleichzeitig der Betreiber des größten und leistungsfähigsten Internetbackbones (622 Megabit/sec) ist), deren Joint Venture den Namen Concert [83] trägt, haben beschlossen, 160 Millionen Ecu über ein Jahr hinweg in ein weltweites Hochgeschwindigkeits-Netzwerk namens Concert InternetPlus zu investieren. [84] Der US Telekom Gigant AT&T antwortete mit seinem eigenen Internetprojekt AT&T Worldnet, daß Zugangsstellen auf der ganzen Welt bieten wird. [85]
Bis jetzt haben sich die führenden Telekomunternehmen auf weltweite Allianzen wie Global One oder Worldpartners verlassen. Die Schaffung von Concert wird eine ernste Herausforderung für diese Allianzen sein und die weitere Konsolidierung auf diesem Weltmarkt fördern.
In Deutschland gibt es bereits 3 Konkurrenten zur Deutschen Telekom:
1) Arcor, die Gruppe rund um Mannesmann mit DBKom (Deutsche Bahn) und der euro-amerikanischen AT&T-Unisource Services.
2) Ein weiterer Konkurrent ist die Vereinigung rund um RWE mit Unterstützung der deutschen Gruppe Viag und seinem britischem Partner BT.
3) Die 3. Gruppe wird von Vebacom angeführt, einem Joint Venture der britischen Cable & Wireless und dem deutschen Mischkonzern Veba, und wird von der Ruhrgas unterstützt. [86]
Diese Konkurrenz macht sich bei der Deutschen Telekom bereits mit Großkundenverlusten bemerkbar. Demnach haben vier Monate vor dem Fall des Sprachmonopols 30 der 50 größten Unternehmen in Deutschland entschieden, ganz oder teilweise zur privaten Konkurrenz zu wechseln. [87]
Die Deutsche Telekom reagiert darauf. Sie startete als einer der ersten großen Telekomunternehmen ein Versuchsprojekt zur Sprachtelefonie über das Internet. Das Besondere and dem “T-NetCall” genannten Projekt ist die Möglichkeit, die Vorteile des “normalen” Telefonnetzes mit denen des Internets zu kombinieren. Der Testkunde benötigt lediglich einen normalen oder einen Mobiltelefonanschluß, die Gespräche werden aber über das Internet geleitet. So kann die bestehende Infrastruktur die billigen Internettarife in Anspruch nehmen. Dieser Testversuch scheint sehr gut zu laufen. Das deutsche Telekomunternehmen beteiligte sich bereits mit einer halben Milliarde Schilling an VocalTec Communications [88], einem der renommiertesten Unternehmen im diesem Bereich der Nutzung des Internets. [89]

[55] Chief Executive Officer, entspricht dem deutschen Begriff des Geschäftsführers
[56] Ein Server ist ein fest mit einem Computernetzwerk verbundener Rechner, der daran angeschlossene Computer mit Informationen versorgt.
[57] Bill Gates in seiner Kolumne “Information at your fingertips 2000” auf der Microsoft Homepage
[58] Diese Daten entstammen einer Pressemeldung von Intel, im Internet unter http://www.intel.com/pressroom/prfaqs.htm
[59] Das genaue Zahlenmaterial is hier zu finden: http://www.intel.com/pressroom/archive/releases/cn011497.htm
[60] Die Daten wurden der Microsoft Homepage entnommen. Im Internet unter http://www.microsoft.com/msft/ar97/financial/alt_german.htm
[61] Die recht häufig gebrauchte Abkürzung IT steht für Informations-Technologie
[62] Die Firma Dell vertreibt ihre PCs unter anderem über das Internet
[63] Die Firma Cisco erzeugt für den Betrieb von Netzwerken unumgängliche Hardware wie zB Router und Switches, Treppaufwärts zur neuen Arbeit, Die Presse, Spectrum, Computerseite vom 10.5.1997
[64] Treppaufwärts zur neuen Arbeit, Die Presse, Spectrum, Computerseite vom 10.5.1997
[65] WorldCom's new European ambition, The Economist Newspaper, im Internet unter http://www.d-comm.com/news/1099.html
[66] MCI accepts WorldCom's US$37bn bid, The Economist Newspaper, im Internet unter http://www.d-comm.com/news/1127.html
[67] WorldCom zahlt die British Telecom aus, Die Presse vom 12.11.1997, S 25
[68] Nähere Informationen zum Projekt Internet 2 unter http://www.internet2.edu/
[69] An Overview of 1996´s Main Trends und Key Events, Information Society Trends, Special Issue, im Internet http://www.ispo.cec.be/ispo/press/press1996.html
[70] Telcos to confront the Internet, The Economist, 28.4.1997, im Internet
http://www.d-comm.com/news/866.html
[71] Die wichtigsten Softwarefirmen der Welt haben bereits ein Übereinkommen unterzeichnet, daß die Sprachübertragung mittels komprimierten Datenpaketen standardisiert.
[72] Ob dieser Effekt in Österreich auch auftreten wird ist fraglich. Nach der Gebührenreform der PTA im November 1997 soll die Telefonverbindung zum Internetprovider einem besonders billigem Tarif unterfallen.
[73] Die ITU ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die sich mit der Telekommunikation auseinandersetzt. Sie ist im Internet unter http://www.itu.ch zu erreichen
[74] Challenges to the Network: Telecoms and the Internet, vorgestellt am 7.9.1997 auf der Presse-Seite der ITU Homepage unter: http://www.itu.int/PPI/press/releases/1997/itu-15.html
[75] Siehe dazu genauer unter 2.2 Wie funktioniert das Internet ?
[76] Vorausgesetzt wird die schon bestehende Verbindung zum Internet, d.h die nur in Europa eingehobenen Telefongebühren zum Provider sind hier nicht erfasst.
[77] Internethost: Jeder Computer, der eine von der IANA zumindest mittelbar zugeordnete Internet-Protokoll Nummer trägt und immer unter dieser Adresse erreichbar ist.
[78] Übersetzung des Verfassers: “Anfangs benutzte das Internet das Telefonsystem, schließlich wird telefonieren aber über das Internet funktionieren. Ein völlig ungeregeltes Netzwerk bringt seinen hochregulierten Vorgänger zu Fall. Das ist außergewöhnlich.”
[79] Im Internet unter http://www.etsi.fr/
[80] ETSI proposes standards for Internet telephony, The Economist, 15.4.1997, im Internet:
http://www.d-comm.com/news/864.html
[81] PTA entwickelt Internet-Telefonie , APA Journal Infohighway, im Internet unter http://webfactory.apa.at/scripts/depot/hig/19971028DBI036.txt
[82] Bill Gates in seiner Rede beim «Compaq Computer´s Innovate Forum 1997», siehe Reuters vom 10.4.1997
[83] nähere Informationen zu Concert auf deren Homepage, im Internet unter http://www.concert.com/
[84] Österreichischer Vertriebspartner von Concert ist die Datakom Austria AG, ein Tochterunternehmen der Post & Telekom Austria. Siehe die Vertriebsseite von Concert unter http://www.concert.com/search-form.asp
[85] An Overview of 1996´s Main Trends und Key Events, Information Society Trends, Special Issue, im Internet http://www.ispo.cec.be/ispo/press/press1996.html
[86] An Overview of 1996´s Main Trends und Key Events, Information Society Trends, Special Issue, im Internet http://www.ispo.cec.be/ispo/press/press1996.html
[87] so der APA Bericht http://www.apa.co.at/scripts/depot/hig/19970814DBI056.txt
[88] German telco buys into Net phones, Cnet, 28.8.1997, http://www.news.com/News/Item/0%2C4%2C13814%2C00.html?ndh.idirect
[89] Deutsche Telekom beteiligt sich an VocalTec zur Einführung der weltweiten Internet-Telefonien, http://www.dtag.de/aktuell/presse/0828972.htm