Medienkonvergenz, Digitalisierung

Die EU-Kommission legte im Dezember 1997 ein Grünbuch über die Auswirkungen der Konvergenz zwischen der Telekommunikation, den Medien und der Computerbranche vor. [193] Die Hauptthese besteht darin, daß die Digitalisierung dieser drei Branchen nicht nur jede Branche an sich verändert, sondern auch die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen läßt. Bis jetzt war eine Dienstleistung an eine bestimmte Infrastruktur gebunden. Demnächst kann jede Dienstleistung (ob Sprach-, Daten- oder Videoinhalte) über jedes Netz (Festnetz, Rundfunk, Satellit) übermittelt werden. Computer werden fernsehähnlich, Fernseher übernehmen Computerfunktionen. Neue Dienstleistungsarten entstehen, und bereits bestehende Dienste dehnen sich über die klassischen Sektorengrenzen hinaus aus.
Durch diese Konvergenz werden die aktuellen Regulierungsstrukturen hinfällig, die noch nach hergebrachten Sektoren unterscheiden. Wenn Fernsehbilder über das Internet anders behandelt werden als über Kabel, werden sich unweigerlich Wettbewerbsverzerrungen ergeben. Daher müssen die Vorschriften nach den neuen Gegebenheiten ausgerichtet werden. Sie werden offen und flexibel sein müssen, um sich den rasch ändernden Technologien anzupassen. [194]
Bisher haben Netzwerke meist 3 verschiedene Arten von Information - nämlich Stimmen, Bilder und Daten - übertragen, wobei man die Arten noch weiter unterteilen kann in z.B.: aufgezeichnete und Live Übertragungen oder bewegte und unbewegte Bilder. Diese verschiedenen Formen der Information, nützten verschiedene Arten der Übertragung. Das Telefonnetzwerk lieferte die Stimmen, private Firmennetzwerke die Daten und Fernsehstationen lieferten die Bilder. Jedes dieser Services war eng an eine bestimmte Infrastruktur gebunden. So funktionierte das Telefonsystem bis vor kurzem nur über die Kupferleitungen der Post, Sendestationen nutzen Radiosignale und Kabelgesellschaften übertrugen ihre Fernsehprogramme mit Hilfe der Koaxialkabel.
Konvergenz bedeutet, daß diese Unterscheidungen immer mehr verwischt werden. Für manche bedeutet Konvergenz nur die Möglichkeit des Wettbewerbs der unterschiedlichen “Lieferwege” der Information. Die Bedeutung des Begriffs geht in Wirklichkeit viel tiefer und bedeutet einen fundamentalen Umbruch im Umgang mit Information per se.
Digitalisierung bedeutet, daß jede der früher unterschiedlichen Arten von Information in einen Fluß von binären Einsen und Nullen zerlegt wird, die von jedem der unterschiedlichsten Übertragungswege weitergeleitet werden kann. Jeder Übertragungsweg kann somit jede Information übertragen, sobald sie in digitaler Form vorliegt. Diese Digitalisierung bietet die Voraussetzung für eine perfekte und immer gleiche Reproduktion eines Werkes. [195]
Alle Arten von Werken können auf ein und demselben Datenträger gespeichert werden, über dasselbe Kommunikationsnetz verbreitet und vom Werknutzer in nahezu beliebiger Weise weitergenutzt, verbreitet und auch weiterverändert werden. Die Aussage, alles was mathematisch definierbar ist, ist auch programmierbar, wird zunehmend Wirklichkeit.
Bereits 1989 gründete Bill Gates die Firma Corbis, die 1995 das bedeutenste Bildarchiv der Welt, das Bettmann Archiv mit über 16 Millionen Fotos kaufte. [196] Corbis versucht, die Rechte so vieler Bilder wie möglich aufzukaufen um diese anschließend zu digitalisieren. Bereits heute, so schätzt das amerikanische Magazin Interactive Age , kontrolliert Gates drei Viertel des Welthandels mit digitalisierten Bildrechten.
Im Zuge des Ausbaus der Übertragungskapazitäten wird auch die Bedeutung des “echten” Audio und Video on Demand zunehmen. Bei den bisherigen Spielarten dieser neuen Technik konnte man nur von “near” Video on Demand sprechen. [197] Mit Hilfe des Internets kann jedes in einer Datenbank abgelegte Werk in Echtzeit abgerufen werden.
Wissen hat noch nie so schnell zugenommen wie heute. Derzeit sind 90 % aller Wissenschaftler tätig, die jemals auf der Welt gelebt haben. An jedem Arbeitstag erscheinen 20.000 wissenschaftliche Aufsätze weltweit. Alle fünf bis sieben Jahre verdoppelt sich das verfügbare Wissen.
Der zentrale Wert der Informationsgesellschaft ist nicht Information, sondern Wissen. Der Satz, Wissen ist Macht, war noch nie so wahr wie in unserer Zeit. Im Informationszeitalter wird daraus eine gesamtgesellschaftliche, vielleicht sogar globale Herausforderung [198]
Personen, die gemeinsame Interessen haben, können durch das Internet von der Existenz Gleichgesinnter auf der ganzen Welt erfahren und mit Hilfe des Internets kommunizieren. Nicht verschwiegen werden soll, daß diese menschenverbindende Auswirkung des Internets auch negative Seiten hat. So finden ebenfalls Menschen, die kriminellen oder gesellschaftpolitisch nicht akzeptierten Tätigkeiten wie z.B. der Verbreitung von NS-Propaganda, pornografischen oder gar kinderpornografischen Inhalten nachgegehen, Kontakt zueinander. Zu betonen ist allerdings auch, daß durch das Internet nur der Zugang zu solchen Informationen ermöglicht wird. Die bereits bestehenden Inhalte bzw. die Einstellung einzelner Personen sind das eigentliche Kernproblem einer Diskussion, die meist zu global um das Internet geführt wird. Die Anonymität, hinter der sich Straftäter via Internet verstecken, ist aber nur eine scheinbare. So gelingt es Strafverfolgungsbehörden auf der ganzen Welt immer öfter, sich anonym Zutritt zu solchen Interessenskreisen zu verschaffen, deren Mitglieder zu identifizieren und vor Gericht zu stellen. [199]

[193] KOM-(97) 623, im Internet unter http://www.ispo.cec.be/convergencegp/97623de.doc
[194] Bangemann, People first ?!, im Internet unter http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/1307/1.html
[195] Haindl, Urheberrechtliche Aspekte neuer Medien, AnwBl 1998, S. 15
[196] Bill Gates neuestes Spielzeug, Der Spiegel, Im Internet unter http://www.spiegel.de/netzwelt/themen/bill.html
[197] Durch zusätzliche Känale wird zB ein Film mit versetzten Beginnzeiten mehrere Male hintereinander übertragen, sodaß der Konsument die Möglichkeit hat, jede Viertelstunde einen Film zu “bestellen”.
[198] Dr. Jürgen Rüttgers,im Internet unter http://www.iid.de/macht/beitraege/ruettgers.html
Macht Information: Internationale Konferenz über die Werte der Informationsgesellschaft 9. September 1996, Petersberg bei Bonn
[199] U.S. police arrest Scandinavian pedophiles through Internet, Agence France-Presse, 29.3.1998, im Internet unter http://www.techserver.com/newsroom/ntn/info/032998/info15_26850_noframes.html